Dezentrale Besiedlung

Sous-titre: 
Raumplanerische Leitvorstellung
Provenance: 
WSL/Geographisches Institut der Universität Zürich
Prénom de l'auteur: 
David
Nom de l'auteur: 
Frey
Année: 
2008

Der Erhalt einer dezentralen Besiedlung ist eine politische Leitvorstellung, welche explizit in der Agrar- und Regionalpolitik des Bundes verankert ist. Diese Leitvorstellung ist jedoch in der «Peripherie der Peripherie» mit der Realität von Braindrain, Abwanderung und Überalterung konfrontiert. Zudem scheint die bisherige, buchstäblich weitreichende Solidarität zwischen Stadt und Land zu bröckeln. Vor diesem Hintergrund stellen sich folgende Fragen: Was wird unter der politischen Leitvorstellung der dezentralen Besiedlung verstanden? Und wie umfassend soll die dezentrale Besiedlung aus raumordnungspolitischer Sicht erhalten werden? Durch die Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen (NFA), welche seit anfangs 2008 in Kraft ist, aber auch durch die Neue Regionalpolitik (NRP) wurden die Kantone gestärkt und erhielten generell mehr Handlungsspielraum. Die NRP zieht sich aus so genannten potenzialarmen Räumen, bei denen es sich in der Regel um periphere, schlecht erreichbare Gebiete handelt, zurück. Die Unterstützung fokussiert sich stattdessen auf Projekte, die im Sinne einer dezentralen Konzentration vorwiegend in regionalen Zentren Wirkung zeigen sollen. In der NRP ist damit das Verständnis von dezentraler Besiedlung grossräumiger als in der Agrarpolitik. Diese orientiert sich u. a. aufgrund der engen Verknüpfung mit den gemeinwirtschaftlichen Aufgaben der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und der Pflege der Kulturlandschaft nach wie vor an einem flächendeckenden Erhalt der dezentralen Besiedlung. Im Rahmen der derzeitigen Reform des landwirtschaftlichen Direktzahlungssystems soll die Zielformulierung für die dezentrale Besiedlung neu den Kantonen überlassen werden. Unabhängig dessen liegt die Verantwortung für die Entwicklung der dezentralen Besiedlung gesamthaft betrachtet heute eindeutig bei den Kantonen. Die Leitvorstellung der dezentralen Besiedlung verliert damit auf bundespolitischer Ebene an Bedeutung und wird zu einer überwiegend kantonalen Angelegenheit. Dies vor dem Hintergrund, dass der Begriff der dezentralen Besiedlung nach wie vor mehrheitlich relativ kleinräumig interpretiert wird (s. unten), was u. a. auf die agrarpolitische Prägung dieses Begriffes zurückzuführen ist. Aus den durchgeführten Experteninterviews geht weiter hervor, dass der Begriff der dezentralen Besiedlung je nach Betroffenheit und politischem Interesse sehr unterschiedlich interpretiert wird. Für eine Mehrheit der Expertinnen und Experten wäre die dezentrale Besiedlung auch dann noch gewährleistet, wenn sich einzelne Dörfer entsiedeln, sich gleichzeitig aber nicht einzelne (Seiten-) Täler in der Grössenordnung eines Safien- oder Calancatals entvölkern würden. Aus den verschiedenen Positionen lassen sich vereinfacht ein traditionelles, ein reformorientiertes sowie ein liberales Verständnis von dezentraler Besiedlung ableiten.

Catégorie: 
Milieu bâti