Verdichtung erfordert neue Bau- und Planungskultur

Freitag, 29. Mai 2015

Die Siedlungsentwicklung der Schweiz geht in eine neue Phase. Nach dem Zeitalter der Expansion in die Fläche geht es heute um die verbindliche Begrenzung der Zersiedelung durch Verdichtung. Doch kompakte, attraktive Siedlungen zu realisieren, ist nicht einfach. Am Freitag, 29. Mai tauschten sich mehr als 500 Forschende, Planer und Behördenvertreter an einem nationalen Kongress darüber aus, wie sich Siedlungen hochwertig verdichten lassen. Forschung und Praxis zeigten auf, dass es dazu eine neue Bau- und Planungskultur braucht: Kantone und Gemeinden müssen den Rahmen für hochwertige Projekte aktiv gestalten. Es braucht Kooperationen zwischen Behörden und Privaten, einen stärkeren Einbezug der Bevölkerung, und Gemeinden, die mit eigenen, guten Projekten vorangehen.

Seit gut einem Jahr ist das neue Raumplanungsgesetz in Kraft. Es fordert «Siedungsentwicklung nach innen», kompakte Siedlungen und Wohnqualität. Landesweit sind unzählige Fachleute, Politikerinnen und Politiker, Wissenschaftler, Investoren, Gewerbetreibende und Grundeigentümer daran, diese Ziele umzusetzen – kein leichtes Unterfangen. Sobald es um Verdichtung vor der eigenen Haustüre geht, werden viele Leute skeptisch. Ein Grund dafür ist falsch verstandene Verdichtung, die einzig die bauliche Dichte erhöht. Am Kongress «Siedlungen hochwertig verdichten», den die Schweizerische Vereinigung für Landesplanung VLP-ASPAN in Solothurn durchführte, ging es daher um die Frage, wie eine Verdichtung aussehen muss, welche die Qualität der Siedlungen erhöht und von der Bevölkerung mitgetragen wird.

«Mehr Stadt für alle»

Nichts weniger als den «Umbau der Agglomeration» forderte Jürg Sulzer, Professor für Stadtumbau und Stadtforschung. Dies sei eine Quintessenz aus dem Nationalen Forschungsprogramm «Neue urbane Qualität» (NFP 65). Agglomerationen seien heute unfertige Siedlungsräume mit wenig urbanen Qualitäten. Es brauche «mehr Stadt für alle» – im Sinne von Siedlungen, die sich an der Lebensqualität historischer Innenstädte orientieren, die «Raumgeborgenheit», Identität, Diversität und Zusammenhalt bieten. Rein quantitative Verdichtung schafft noch keine Qualität. Es brauche eine soziale und nutzungsbezogene Dichte. Sulzer betonte auch, wie wichtig Bilder für die Kommunikation mit Politik und Bevölkerung sind: Städtebau und Architektur könnten mit Visualisierungen bzw. «Fernbildern» weit mehr erreichen als mit langatmigen Analysen.

Gemeinden: Qualität bei Bauprojekten einfordern

Die Tripartite Agglomerationskonferenz TAK, eine politische Plattform von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden, präsentierte ihren Bericht «Das 3x3 der nachhaltigen Siedlungsentwicklung» mit neun Forderungen. Zentral ist ihr Aufruf an Kantone und Gemeinden, die Verdichtung selbst in die Hand zu nehmen: Die Planungsbehörden sollen sich von der Rolle des passiven Verwaltens lösen, stattdessen die Innenentwicklung gezielt und aktiv lenken und dabei Qualität und Identität in den Vordergrund stellen. Dies bedingt eine neue Planungs- und Baukultur, die den Dialog mit der Bevölkerung sucht und Kooperationen von Privaten und Behörden beinhaltet, etwa städtebauliche Verträge. Die Gemeinden müssen vermehrt die Initiative ergreifen und «die operative Verantwortung übernehmen», wie Beat Suter, Raumplaner und Mitverfasser des Berichts, forderte. Die Gemeinden sollen das öffentliche Interesse an Qualität vertreten. Die Kantone wiederum müssen der Siedlungsentwicklung klare Grenzen setzen und die Gemeinden unterstützen. Aufgabe des Bundes ist es laut der TAK, für kohärente nationale Raumstrategien zu sorgen. Ausserdem sei ein nationaler Dialog über Baukultur anzustossen.

Verdichtung bedingt Aushandeln verschiedener Interessen

Auch die Wirtschaft setzt sich für die Siedlungsentwicklung nach innen ein. Der Schweizerische Gewerbeverband sgv-usam, am Kongress durch Verbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler vertreten, fordert in seinen politischen Zielsetzungen 2014 – 2018 «eine Förderung des verdichteten Bauens in all seinen Facetten». Bigler forderte eine radikale Vereinfachung von Bau-Vorschriften, welche die Verdichtung hemmen. Hochwertige Verdichtung ist für Philippe Biéler vom Schweizer Heimatschutz SHS hingegen nur möglich, wenn auf wertvolle historische Baustrukturen inklusive unbebaute Räume Rücksicht genommen wird. Ortsbild- und Denkmalschutz bewahrten die Identität eines Ortes. Diese Identität brauche es auch, um die Bevölkerung für die Verdichtung zu gewinnen.

Keine allgemein gültige Formel, aber stets wichtige Aspekte

Eine allgemein gültige Formel für hochwertige Verdichtung gibt es nicht. Doch die spezifische Ortsanpassung, der Umgang mit öffentlichem Raum, Freiräume sowie der Nutzungs- und Bevölkerungsmix spielen immer eine Rolle. Diese wichtigen Aspekte der Siedlungsqualität, aber auch Planungs-, Partizipations- und Rechtsfragen vertieften die Kongress-Teilnehmenden in neun Workshops. Auf grosses Interesse stiess ein Workshop zur Frage, wie das Recht hochwertige Innenentwicklung fördern kann. Die Quintessenz hier: Qualität lässt sich nicht normieren; das Recht kann aber günstige Rahmenbedingungen schaffen, um Qualität zu ermöglichen. Zum Beispiel braucht es rechtliche Voraussetzungen, damit sich Grundeigentümer und Investoren bei Um-und Aufzonungen an den (Infrastruktur-)Kosten für eine hochwertige Verdichtung beteiligen.

Lob der Mehrwertabschöpfung

Mehr Reglementierungen seien für die geforderte neue, aktivere Planungskultur nicht unbedingt nötig, sagte Hans-Peter Wessels, Regierungsrat von Basel-Stadt. Es brauche nur die richtigen. Sein Kanton, der die Mehrwertabschöpfung praktiziert, erhielt indirekt ein unerwartetes Lob: Der Immobilienentwickler Jörg Koch von der Pensimo Management AG bezeichnete die Mehrwertabgabe als tolles Instrument für Städte und Gemeinden, um öffentliche Räume attraktiv zu gestalten, und so zu hochwertiger Verdichtung beizutragen.