Multilokale Lebensweise: Wichtiges, aber schwer fassbares Phänomen

Freitag, 19. Mai 2017

Das Wohnen an mehreren Orten ist für viele Schweizerinnen und Schweizer heute Alltag; das Unterwegssein gehört zu ihrem Lebensentwurf. So genannt «Multilokale» nutzen überdurchschnittlich viel Wohnraum und sind hochmobil. Für viele Raumplaner ist das Phänomen noch schwer fassbar. In Bern-Brünnen manifestiert es sich in einem Neubauprojekt: Eine Genossenschaft baut 60 bediente Appartements für die modernen Nomaden.

Die Weiterbildungsplattform «Chance Raumplanung» lud am 19. Mai nach Bern-Brünnen. Hier nimmt die multilokale Lebensweise konkrete Formen an: Auf Baufeld 20 baut die Baugenossenschaft Aare 60 «serviced apartements«, d.h. hochwertig möblierte, kleine Wohnungen kombiniert mit einem Dienstleistungsangebot. Die künftigen Mieter sollen diese 32m2 grossen Wohnungen temporär für 1 bis 12 Monate mieten können. Das Projekt heisst «b20» und liegt unweit des Bahnhofs Bern-Brünnen, des Einkaufszentrums Westside und einer Parkanlage. B20 ist umgeben von weiteren Blockbauten. Ab August 2017 soll der 5-geschossige Bau bezugsbereit sein.

WLAN, Design-Möbel und Concierge inklusive

Die Zielgruppe der Baugenossenschaft sind Multilokale. Das könnte etwa ein IT-Spezialist aus Indien sein, ein frisch Geschiedener, eine Medizinstudentin aus Deutschland im Inselspital-Praktikum, ein Bundesparlamentarier. Die mit Design-Möbeln und WLAN ausgestattete, flexibel mietbare Wohnung soll 1'300 Franken pro Monat kosten. Im Preis inklusive: die 14-tägige Reinigung, Wäschewechsel, ein Concierge. Weitere Dienste wie Bügelservice oder Game-Console sind zubuchbar.

Die multilokale Lebensweise sei fast schon ein «Massenphänomen», sagt die Soziologin Nicola Hilti. 28 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung nutzen zwei Wohnsitze oder mehr. Dies zeigte die Studie «Multilokales Leben in der Schweiz» unter Leitung der ETH. Nur etwa ein Viertel von ihnen gaben an, den Zweitwohnsitz aus Gründen der Arbeit oder Ausbildung zu nutzen. Die Mehrheit – über zwei Drittel der zusätzlichen Wohnorte – dienen freizeitbezogenen Nutzungen, und mehr als die Hälfte dem gemeinsamen oder getrennten Zusammenleben mit dem Partner oder der Partnerin.

Der typische Multilokale ist hochmobil, reiseerfahren und lebt in einer guten ökonomischen Situation. «Je vermögender, desto eher lebt jemand multilokal», sage Hilti in Bern-Brünnen. Wenig erstaunt da, dass Multilokale viel Wohnraum beanspruchen – nicht wenige verfügen schon am ersten Wohnsitz über 4 bis 5 Zimmer, und am zweiten Wohnsitz über ebenso viele. «Multilokalität ist ein Faktor für den steigenden Wohnflächenverbrauch», so die Soziologin.

Wenn Multilokale arbeiten, dann gerne auch in «Co-Working-Spaces». Solche geteilten Büros nehmen weltweit zu, wie Mathis Hasler, selbst Online-Vermittler solch flexibler Arbeitsräume, sagte. Auch eine Deloitte-Studie deutet darauf hin. Ein jüngeres Beispiel: die Co-Working-Spaces am Bahnhof Bern, in der «Welle 7».

Schwer fassbar, schwer planbar

Was bedeutet dies nun für die Raumplanung? Die Teilnehmer der Veranstaltung «Chance Raumplanung» in Bern-Brünnen zeigten sich ziemlich ratlos. Denn das Phänomen ist schwer fassbar. In den gängigen Statistiken ist es kaum sichtbar, wie Frank Argast vom Zürcher Amt für Städtebau zeigte. Die Stadt Zürich hat einen Zweitwohnungsanteil von 3,3 Prozent (7'200 Wohnungen, oft an Zentrumslagen), zählt 15'000 Wochenaufenthalter und 2'000 Airbnb-Angebote – das sind relativ tiefe Zahlen. Der Grund: Multilokale nutzen Zimmer oft informell, wohnen zum Beispiel im Haus eines Freundes, und sind am Zweitwohnsitz nicht registriert (zahlen dort auch keine Steuern).

Diese «Unfassbarkeit» der Multilokalen macht die Raumplanung nicht einfacher. Konflikte zwischen langjährigen Quartierbewohnern und den modernen Nomaden scheinen vorprogrammiert. Die Zeichen deuten aber darauf hin, dass die multilokale Lebensweise bewusst gewählt und ein langfristiges Phänomen ist, mit dem sich die Raumplanung auseinandersetzen muss. Auch wenn uns «heute die Instrumente dazu noch fehlen», wie ein Raumplaner in Bern-Brünnen sagte.

Der Anlass der Weiterbildungsplattform «Chance Raumplanung» in Bern-Brünnen wurde von der VLP-ASPAN organisiert. Mehr zum Projekt b20 hier.

Einen Bericht zum multilokalen Leben bietet INFORAUM 3/2016 (für Mitglieder). Die Kurzform hier.

Im weiteren Sinn auch zum Thema: Die SRF-Dokumentation «Wir Pendler» über Menschen, die aus familiären und beruflichen Gründen das Unterwegssein leben. Sowie die Ergebnisse des «Mikrozensus Mobilität und Verkehr» (vgl. unsere News).